Szenische Lesung zum 17. Juni 1953

Szenische Lesung auf der Gedenkveranstaltung zum 17. Juni 1953
Magdeburg, Platz des 17. Juni am 17.06.2003 um 13:30 Uhr

Von Heinz-Josef Sprengkamp

Geschichtslehrer Schelp:
Der 17. Juni 1953 ist ein knappes Stichwort in Lehrplänen. In Schulbüchern ist dem Geschehen an diesem Tag maximal zwei Seiten gewidmet. Zum 50. Jahrestag jedoch reiht sich eine Veranstaltung an die andere. 88 in diesem Jahr in SachsenAnhalt. Dem Arbeiteraufstand am 17. Juni 1953 in der DDR gedenken – warum eigentlich?

2 Sprecher:
Unruheorte: etwa 800
Demonstranten: Mehr als 1 000 000
Bestreikte Betriebe: rund 600
Ausnahmezustand: in 167 der 217 Stadt- und Landkreisen der DDR
Getötete Demonstranten und unbeteiligte Zivilisten: 51
Getötete Angehörige der Vopo und der Staatssicherheit 6
Durch sowjetische Einsatzkommandos standrechtlich erschossene Deutsche: Die Zahlen schwanken zwischen 18 und 21, darunter 3 Volkspolizisten.
Durch sowjetische Einsatzkommandos wegen Befehlsverweigerung
erschossene sowjetische Soldaten:
41
Nach Gerichtsurteilen hingerichtete Personen: 3>/p>

Schelp:
Der 17. Juni 1953 in Magdeburg – eine Annäherung an das Geschehen aus der
Perspektive von vier Zeitzeugen:

  • Hans Herzberg, Horst Linowski, Dieter Weckel und Richard Wilhelm

Sprecher 4:
10.30 Uhr im Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft in der Hegelstraße, heute Palais am Fürstenwall: An der Ecke zur Treppe, eine Armlänge neben mir, stand auf der Galerie eine Stalinbüste von etwa doppelter Lebensgröße. Der ‘Große Stalin’ blickte mit stählernem Lächeln noch immer frontal auf jeden herab, der unten durch die großen Flügeltüren innen am Haupteingang das Haus betrat. Fünf oder sechs Männer kamen auf der mit rotem Teppich belegten Marmortreppe aufwärts gestürmt und droschen auf die Stalinbüste ein. Männerarme stemmten sich gegen den Stalin-Rücken. Der Große Stalin wankte. Er stürzte hinunter, zerschlug in Teile, noch viele der Fußbodenfliesen mit zertrümmernd. Lautes Beifallklatschen und Triumph erfüllten den Raum.

Sprecher 1:
Ich fand tatsächlich viele Menschen auf der Halberstädter Str., die sich in Richtung Innenstadt bewegten. Ich kam am Justizpalast vorbei und sah aus der Leipziger Str. auch schon Arbeiter noch in ihrem Arbeitszeug kommen. Weiter zum Hasselbachplatz, da kamen Massen von Arbeitern aus Buckau und zogen weiter über den Breiten Weg, der nun voller Menschen war. Viele trugen selbst gemachte Transparente.

“Für Freiheit” “Wir fordern freie Wahlen”
(Transparente hochhalten)

Sprecher 2:
Auf dem Bahnhof war eine unübersehbare Menge zusammengeströmt. Meine Gruppe drang in das FDJ-Haus in der Otto-von-Guericke-Straße ein und wir warfen das dort gestapelte Propagandamaterial, Bilder und Zeitungen zum Fenster hinaus.

Sprecher 1:
Alles, was mit dem verhassten System zu tun hatte, wurde verbrannt.

Sprecher 2:
Auch Waffen flogen aus dem Fenster. Man muss sich das vorstellen, wie unter großem Jubel aus allen Fenstern eines sechsstöckigen Hochhauses das Papier fliegt. Durch die Hitze des Brandes flogen die Blätter im tollen Wirbel wieder in die Höhe. Ich rief nun die Menge auf, mit auf den Bahnhof zu gehen, dort waren noch Transparente zu beseitigen.

Sprecher 3:
Am Bahnhof standen große Menschenansammlungen. Straßenbahnen sah ich keine mehr fahren. Die Züge der Reichsbahn fuhren offenbar noch. Auf das rostrote Schild über dem Eingang vom Bahnhofsplatz zur MITROPA -Gaststätte hatte jemand frisch mit weißer Farbe übergeschrieben:

Mehr Lohn! Mehr Freiheit! Weniger Bonzen!
(Transparente hochhalten)

Sprecher 2:
Unter dem Jubel der Menge holten wir das Schild „Interzonenpassabfertigung“ herunter. „Es gibt keinen Grenzverkehr mehr!“, schrie alles.

Sprecher 3:
Wir marschierten nun zum Polizeipräsidium, wo wir die politischen Gefangenen der Stadt Magdeburg befreien wollten. Als wir ankamen, hatten einzelne Demonstranten mit Steinen, Balken und Eisenträgern die Türen bereits aufgebrochen und waren in den Hof eingedrungen. Während die Menge der Demonstranten den Hof füllte, kamen Schüsse vom Dach des Gefängnisses. Ich sah drei Arbeiter in meiner nächsten Nähe tot zusammenbrechen. Einige Gefährten, die in das Polizeipräsidium eingedrungen waren, riefen uns vom Balkon zu: „Die ersten Häftlinge werden gleich freigelassen.“ In der Leipziger Straße tauchten nun auf einmal bewaffnete sowjetische Zivilisten mitten in der Menge auf und trieben die Demonstranten mit vorgehaltenen Pistolen auf die Infanteristen zu. Es entstand eine Panik und es sah aus, als würden die Demonstranten erschossen. Von der Infanterie wurden die Demonstranten dann gepackt und in Richtung Polizeipräsidium abgeführt.

Sprecher 2:
Gegen 13.00 Uhr, nach meiner Erinnerung, hörten wir die ersten Ketten rasseln. Panzer! Das war das Ende! Die Russen griffen ein!

Sprecher 4:
Der Grund für meine Verhaftung war, dass ich ein Flugblatt mit dem Befehl über den Beginn des Ausnahmezustandes in Deutschland zerrissen hatte. Herausgeber war die sowjetische Militärverwaltung in Deutschland. Ständig wurde mir mit der Todesstrafe gedroht. In der Zeitung, die mir vorgehalten wurde, waren schon vollstreckte standrechtliche Erschießungen gemeldet worden. In der sowjetische Hauptzentrale „Klausener Straße 19“ in Magdeburg wurden wir in einen Kellerraum gebracht. Bereits eine Stunde später wurden unsere Köpfe kahl geschoren. Dann wurden wir nachts mehrmals zum so genannten Abschluss der Voruntersuchungsprotokolle geholt. Vom Untersuchungsrichter wurde ich während der Verhöre mehrmals getreten und geschlagen. Herzmassage nannte er das Schlagen mit der flachen Hand auf die Herzgegend. Mehrmals wurden mir auch von ihm Zigaretten auf dem Unterarm ausgedrückt, um die Unterschriften auf die Protokolle zu bekommen. Später musste ich unterschreiben, dass mir nichts getan worden wäre. Am 3. August wurden wir früh am Morgen in einen LKW verfrachtet und in einer mehrere Stunden dauernden Fahrt nach Bautzen gebracht. Zunächst waren wir froh, in Deutschland geblieben und nicht in ein Arbeitslager nach Sibirien verschleppt worden zu sein. Wir ahnten aber noch nicht, was auf uns zukam. Die Gefängniskleidung war mit roten Arm- und Beinringen versehen. Damit auch alle anderen Häftlinge erfuhren, welch schwere Verbrecher wir waren, hatten wir, von sowjetischen Militärtribunalen Verurteilte, zusätzlich noch ein großes, gelbes „X“ auf dem Rücken.

Schelp:
Der 17. Juni 1953 lehrt uns, dass der demokratische und soziale Rechtsstaat keine Selbstverständlichkeit ist. Dieser Tag ist wie ein Brief unserer Großeltern an uns, der mit dem Satz schließt:

Wenn Du Dich nicht erinnerst, verlasse ich Dich! Deine Demokratie!

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